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So werden wir hoffentlich nie leben müssen. Eine Coproduktion mit Lisa Minet.


Eine perfekte Welt

Morgens 8:30 Uhr am 21. März 2029, ich stehe einmal mehr in der endlos langen, militärisch geordneten Schlange vor meiner Schule. Wenn ich um mich blicke, sehe ich unzählige Schüler, deren Optik sich kaum von meiner unterscheidet. Die Beine in schwarze Nadelstreifenhosen verpackt, eine weiße Bluse und ein schwarzer Blazer verhüllen meinen Oberkörper. Alle warten genau wie ich darauf, endlich die Sicherheitsschleuse passieren zu können und endlich das Schulhaus betreten zu dürfen.
Nach dem Attentat vor zehn Jahren wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft und seither ist es jeden Morgen die selbe Prozedur: unsere Taschen werden durchsucht und wir müssen Metalldetektoren durchlaufen, um sicher zu gehen, dass nicht wieder jemand eine Waffe in die Schule einschleust.
Das einzige, was uns von einander unterscheidet, ist das Namensschild auf der Brust. Auf meinem steht Luise Müller. Im Übrigen bin ich elf Jahre alt und besuche die siebte Klasse einer gewöhnlichen Schule, des Tony Blair Gymnasiums in Berlin – Mitte. Vor einigen Jahren wurde die Schulzeit im Gymnasium von acht auf sieben Jahre verkürzt. Soviel Zeit für das Abitur verschwenden, welche Verschwendung!
Nach dem Morgenappell in der Aula geht es in Zweierreihen in die Klassenzimmer.
In meiner Klasse sitzen 45 Schüler, die alle mit einem Laptop ausgestattet sind.
Den Unterricht leitet heute Professor Dr. Smith von der Boston University per Videoübertragung. Vier Stunden „Business English“ ohne Unterbrechung. Danach haben wir 30 Minuten Zeit um unser streng rationiertes Mittagessen einzunehmen.
Nach der kurzen Pause geht es sofort mit zwei Stunden Atomphysik weiter, an die sich ohne weiteren Zeitverlust eine Doppelstunde Mathematik anreiht, die uns perfekt auf unser Studium an einer der Eliteuniversitäten vorbereitet.
Zum Glück sind meine Eltern recht wohlhabend, so dass ich mir um meine Bildung und Zukunft keine Sorgen zu machen brauche. Ich werde trotz Studiengebühren von 3000 Euro pro Semester einen vernünftigen Universitätsabschluss bekommen können.
Jetzt gibt es endlich wieder 30 Minuten Pause, damit meine Mitschüler und ich uns kurz in die Hausaufgaben einarbeiten können. Im Anschluss haben wir noch zwei Stunden Japanisch bei Professor Shinogu, bevor mein Schultag um 20Uhr endlich vorbei ist und ich mich mit der U-Bahn auf den Weg in die Stadt mache.
Die ganze U-Bahn ist wie immer streng von Polizei und Kameras überwacht. Die Attentate der letzten Jahrzehnte sollen dadurch unmöglich gemacht werden.
Als ich endlich am KADEWE angekommen bin, muss ich mich wieder in eine endlose Schlange einreihen und Sicherheitskontrollen über mich ergehen lassen.
Per electronic cash Verfahren zahle ich an der personallosen Kasse einen Packen DVD – Rohlinge, um auch morgen wieder meine Hausaufgaben abgeben zu können.
Nachdem ich wieder die Sicherheitsschleusen durchquert habe – diese öffnen sich nur, wenn man auch bezahlt hat – treffe ich meine Mutter. Auf dem Heimweg erzählt sie mir, wie es in ihrer Jugend so war. Irgendwie kann ich mir kaum vorstellen, wie das gewesen sein muss, ein Leben ohne Sicherheitskontrollen. Ein Leben, in dem man selbst bestimmen kann, was man anziehen möchte. In dem man sein kann, wie man ist und die Schule acht oder sogar neun Jahre dauert. In dem man eine eigene Meinung haben kann. Eine Existenz, in der die Bildung kein Privileg der Reichen ist und man sich um seine Zukunft keine allzu großen Sorgen machen muss. Das alles klingt wie ein schöner Traum.
Oft frage ich mich, ob eine Jugend, wie sie noch meine Mutter gelebt hat, nicht erstrebenswerter wäre.
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